Niemand hatte sie je zuvor so gesehen.
Die Neurowissenschaftlerin Ju Young Lee vom Amsterdam UMC in den Niederlanden nutzte eine Synchrotron-Röntgenquelle in Frankreich, um zwei nach dem Tod gespendete Becken zu scannen. Was sie fand, stellt drei Jahrzehnte Anatomiebücher auf den Kopf: In der Klitoriseichel befinden sich fünf Nervenstämme, die sich wie die Äste eines Baumes verzweigen; einige reichen bis zum Schamhügel.


Bislang glaubte man, dass der dorsale Nerv vor dem Erreichen dieser Stelle inaktiv wurde.
Das Problem ist, dass ein großer Teil der Klitoris im Körper verborgen bleibt, umgeben von Knochen und anderen Beckenorganen. MRT-Aufnahmen ermöglichen es, ihre allgemeine Form zu erkennen. Schlimmer noch: Es gibt 20-mal mehr Studien zur Peniseichel als zur Klitoriseichel.
Die Verzögerung ist nicht unerheblich, aber diese Karte – noch vorläufig und noch nicht von Fachkolleginnen und Fachkollegen begutachtet – könnte den Anteil der Frauen, die nach rekonstruktiven Operationen infolge einer Genitalverstümmelung ihre Sensibilität verlieren, von 22 % senken. Sie könnte außerdem helfen, Nervenschäden an der Vulva sowie einen Sensibilitätsverlust bei Krebsoperationen und anderen Eingriffen in diesem Bereich zu verhindern.

Allerdings bleibt noch viel zu entdecken. Die Karte wurde anhand der Becken von nur zwei verstorbenen Frauen erstellt, und die Studie wurde noch keinem Peer-Review unterzogen. Die Forschenden selbst betrachten diese Arbeit eher als Ausgangspunkt denn als definitive Karte der Klitoris.
