
Es gibt Menschen, die in ihrem Leben noch nie Schmerz empfunden haben. Sie übertreiben nicht, und sie haben auch keine hohe Schmerzschwelle: Ihr Nervensystem verarbeitet dieses Signal, den in ihrer DNA geschriebenen Anweisungen folgend, einfach nicht. Die Erkrankung heißt angeborene Schmerzunempfindlichkeit (CIP) und wird durch Mutationen in Genen wie SCN9A, NTRK1, PRDM12 oder FAAH-OUT verursacht, die die Nozizeptoren betreffen, also die Zellen, die dafür verantwortlich sind, Schäden zu erkennen und an das Gehirn weiterzuleiten.
Der am besten dokumentierte Fall ist der von Jo Cameron, einer britischen Frau, die ihren Zustand im Alter von 65 Jahren entdeckte, als sie darauf bestand, bei einer Handoperation keine Anästhesie zu benötigen. Die Anästhesisten waren verblüfft und überwiesen sie an Spezialisten des University College London und der University of Oxford, die ihre Ergebnisse im März 2019 im British Journal of Anaesthesia veröffentlichten. Cameron empfindet nicht nur keinen Schmerz: Sie kennt auch weder Angst noch Unruhe, und die Forschenden beobachteten, dass ihre Wunden schneller als normal heilen. Ärzte glauben, dass es viele weitere Menschen mit ähnlichen Mutationen geben könnte, die dies nie bemerkt haben.
Was wie eine Superkraft wirkt, ist in Wirklichkeit eine biologische Falle: Ohne Schmerz als Warnsignal schreiten Frakturen, Verbrennungen und Infektionen voran, ohne dass der Körper überhaupt irgendeine Warnung gibt. Die Wissenschaft betrachtet diese Gene jedoch mit einem anderen Ziel: Zu verstehen, wie sie Schmerz blockieren, könnte den Weg zu neuen Analgetika für die 330 millionen Patientinnen und Patienten ebnen, die sich jedes Jahr weltweit einer Operation unterziehen.
