Mehrere Skulpturen mitten in einem alten schottischen Waldtal ließen die Welt sprachlos zurück. Sie waren mit Blättern, Pilzen und Myzel bedeckt, als wären sie direkt aus dem Wald gewachsen, bis sie eine perfekte humanoide Form angenommen hatten.


Und in gewisser Weise ist genau das passiert. Diese Skulpturen leben; sie wachsen weiter und verändern sich. Um ein derart präzises Erscheinungsbild zu erzielen, erhielt die Natur jedoch ein wenig Hilfe. Die verantwortliche Künstlerin ist Kirsten Tingle, die ihren eigenen Körper in 3D scannte und daraus eine aus 88 Teilen bestehende Form fertigte. Doch statt sie mit Gips oder Harz zu füllen, beschloss sie, sich dieselbe Kraft der Natur zunutze zu machen: Sie verwendete lebendes Myzel, das Wurzelsystem von Pilzen, das das Material in seiner Umgebung zusammenbinden kann und beim Wachstum über dem Substrat als natürlicher Klebstoff fungiert.


In ihrem Studio in Hackney, London, versorgte sie das Myzel mit aus den Betrieben der Nachbarschaft gesammelten Kartonabfällen. Jedes Teil der Form war so gestaltet, dass es sich auseinandernehmen ließ, sobald der Pilz fertig gewachsen war und die exakte Form ihres sitzenden Körpers angenommen hatte.
Das Ergebnis wurde schließlich im Freien zwischen Bäumen und herabgefallenen Blättern als Teil des Kunstpfads The Neverending Glen auf dem Kelburn Estate in Schottland ausgestellt. Eine Figur, die aussieht, als bestünde sie aus Stein oder Rinde, tatsächlich aber lebendig ist und sich im Laufe der Zeit verändert.
Die Künstlerin lässt die Natur selbst mit dem Werk interagieren und es vollenden, und vielleicht ist genau das der Grund, warum ihr Anblick mitten im Wald so verstörend ist: Wir wissen nicht, wie viel von der Skulptur der Künstlerin gehört und wie viel bereits den Pilzen.
